© 2018 Rita Newman

Kunstwelten in der Einsiedelei • Marianne Maderna

Ich war zu Besuch in Marianne Madernas intim-analytisch, neugierig-verbindend, großflächig- transformierend und vor allem wunderbar inszenierter Werkschau in ihrer Kartause in Aggsbach. Aufgrund von Anfragen anbei der Text (mit dem ursprünglichen Titel), welcher mir besonders am Herzen liegt: Kunst als Gesellschaftsentwurf.

Lebendige Fühlmuster
Fotos und Text: Rita Newman

Von Melk dem Donaufluss auf der südlichen Seite stromabwärts folgend, öffnet sich nach zehn Autominuten rechts ein durch den Aggsbach ins Gestein geritztes Seitental. In dieses mündet etwas stromaufwärts ein weiteres kleineres Tal. Es ist der Wolfsteinbach, der hier gerade genug Platz geschaffen hat für die Kartause Aggsbach des Schweigeordens der Kartäuser. Hinter der Kirche schlängelt sich die Ende des 18. Jahrhunderts säkularisierte Klosteranlage wie ein maßgeschneiderter Keil mit etlichen um Innenhöfe gruppierten Gebäuden ins enge Tal. Beim südlichsten Komplex angekommen, führt der Weg über eine schmale steinerne Brücke über den besagten Bach und endet unmittelbar vor einem verschlossenen schmiedeeisernen Tor.

Kein Rütteln hilft. Ein bellender Hund begrüßt und verschwindet. Im runden Torbogen erscheint eine zierliche Figur im schwarzen Overall, Marianne Maderna. Sie ist nicht nur Herrin des Hundes, sondern tausender Quadratmeter klösterlicher Gemäuer. Wie kräftig und beweglich die über 70-jährige von Wikipedia „Installationskünstlerin“ genannte Frau mit den tiefschwarzen Haaren ist, fällt beim Aufschwingen der Torflügel auf. Sie lässt uns ein in ihr Reich. Das ist nicht selbstverständlich. Denn wie eine Einsiedlerin lebt Marianne Maderna hier seit einem Jahrzehnt. Hier forscht sie, hier erarbeitet sie sommers und winters ihre Werkzyklen und das meist im Freien, im großen von einer riesigen Kastanie beschatteten Innenhof. Dort wachsen auch neben dem Baum Marianne Madernas ALIENATES janusköpfige Gesichter aus dem Boden. Vom Hof abzweigend führen Gänge und Stufen in weitere kleinere Innenhöfe, in etliche große lichtdurchflutete oder dunkle kleinere Räume, nach oben in renovierte Dachgeschosse oder in die terrassierte Gartenanlage. Skulpturengruppen inszenieren jeden Raum individuell, innen wie außen. Das Durchschreiten der stillen Hallen, das Erklettern der schmalen Stufen zur nächsten Ebene, wo goldene Büsten, raumhohe Engel oder hunderte kleine fluoreszierende Frauenfiguren regungslos warten, lässt den Betrachter staunen über die Werkdimensionen und Wirkungskraft derselben.

Was ist die treibende Kraft der seit Jahrzehnten interdisziplinär arbeitenden Künstlerin die von Maia Damianovic „representative of a first generation of feminist visual artists in Austria“ genannt wird? Der Frau die neben skulpturalen Arbeiten, Fotografien und Zeichnungen ebenso Videos, lyrische Texte, freie Musik, Theater und Performances schuf und aufführte. „Es ist alles ganz einfach“, sagt sie, es ist das Leben an sich. Ihr „Ich“ sieht sie als Werkzeug desselben. Die Freiheit „machen zu dürfen, was sich Heraus gestalten muss“ mit den Mitteln die dafür notwendig sind, mit ihren Händen, ihrem Körper und der „innewohnenden Neugierde die zulassen darf“, ist essentiell für ihre Kunst. Diese innere Freiheit der Kreativität „bedeutet Weltrettung ohne Gewinner und Verlierer.“ Auf die Frage, woher die Themen für ihre Arbeiten kommen, Themen die einen „globalen Umgang mit einem selbst und allem“ anstreben, überlegt Marianne Maderna kurz und lehnt sich im Hof in der Sonne sitzend kurz zurück. „Die waren immer schon da, ich glaube fast vorgeburtlich.“ Durch die Konkretisierung und Fassbarmachung dieser archetypischen Themen, durch das Beziehen einer Position und dem Aufzeigen von Alternativen, wird die Möglichkeit einer anderen Weltordnung geschaffen. Da die bestehende patriarchal machtstrukturiert ist, zeigen ihren kritisch hinterfragenden Arbeiten oft in piktografischer Bildsprache „männliche Attitüden, die sichtbar gemacht werden wie Kopflose Krawattenträger, Doppelköpfige-Phallusähnliche, Devot sich Verneigende usw.“ (Werkserie HUMANIMALS)

Konkret schaut Gender basiertes Kunstschaffen – das damit automatisch auch politisch agiert und agitiert – dann so aus, dass in der Universität Wien 154 rein männlich ausgestellten Büsten 36 weibliche „Radical Busts“ genannt gegenübergestellt werden. Diese goldenen Büsten stehen jetzt in der Kartause in einem Zwischengeschoss, alle eng in Reih und Glied auf schmalen beschrifteten Podesten aufgereiht. Die Stille der Mauern und das goldig reflektierte Sonnenlicht erzeugen eine fast sakrale Stimmung des Gedenkens an all die richtungsweisenden Frauen, deren Antlitze nie gezeigt und deren Namen (wenn überhaupt) in Nebensätzen erwähnt wurden.

Der Zweck dieser artistischen Übungen ist, den Machthabern einen Spiegel vorzuhalten. Dafür müssen eigene Methoden und Formensprachen gefunden werden, die oft schablonenhaft variiert mit Ironie und „lachendem Mut in der Art einer Tricksterin“ vorgeführt zu werden. So erkletterte sie in einer „Endurance Perfomance“ 2005 einen Wiener Flakturm und schrieb überlebensgroße Graffiti. Oder lief 2013 Jesus zitierend als „Die Päpstin kommt über das Wasser“ mit selbst erfundener Apparatur inklusive leuchtendem Umriss nachts über die Donau.

Für Dr. Agnes Neumayr (profiliert in Politischer Ästhetik, Kunst gegen Gewalt und Geschlechterforschung) konterkariert Marianne Maderna vor allem das Denkmodell der Oppositionslogik von Vernunft versus Gefühl. Politisch ist das relevant, weil seit der griechischen Antike „die Herrschaft der Vernunft mit der des männlichen Geschlechts identisch gesetzt wird.“ Menschliches Fühlen UND Vernunft/Denken sind jedoch für Marianne Maderna die Grundlagen lebendiger Formen. Diese spiegeln in ihrer Pluralität, Dynamik und Spontaneität ihren Kunstanspruch eines holistischen Weltbildes wider. Folgerichtig wird in unterschiedlichsten Ausdrucksformen ein großer Bogen gespannt, der im freien Kunstausdruck die Muster des Lebendigen zu fassen versucht. „Freie Kunst“ wird als Ausdrucksform freien Denkens und Fühlens verstanden, was nur in Abwesenheit hierarchischer Gewalt stattfinden kann. Diese freie Kunst bildet damit die Basis einer pluralen und solidarischen Ethik, die als gelebte Kreativität zum allgemeinen Menschenrecht wird. In dieser Vision der politischen Kultur einer „Kunst-Leben-Gesellschaft“, würde um diese uns allen gemeinsame Welt Sorge getragen. Insofern hat das Tun und Schaffen der Einsiedlerin Marianne Maderna eine ähnliche Absicht wie vor ihr die Mönche. Beide versuchen die Welt durch Kontemplation zu retten. War es im Christentum ein männlich gekreuzigter Erlöser, der den Weg ins Licht deutete, ist es heute die inspirierte freie Gauklerin, die Grenzen sprengt.

www.mariannemaderna.com
Das MM-Museum in der Kartause kann nur auf Anfrage besucht werden

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