© 2019 Rita Newman

Mein neues Haustier… und ich

 

 

Was genau schenkt man besonderen Menschen die frau schätzt und die kulinarisch bereits einen eigenen Weg gegangen sind, den man bei Hausbesuchen dankbar kauend gerne staunend folgt?! Genau: einen Sauerteig, ein Lebewesen, im Marmeladeglas, ungeniert. Und was dann passiert, lesen Sie jetzt hier:

Liebe Rita,
ich muss dir noch berichten, wie es mir mit meinem neuen Haustier – dem Sauerteig – erging. Am Dienstag vor Weihnachten, als ich den Kühlschrank aufmachte und entdecken musste, dass mir mein neuer Hausgenosse den ganzen Kühlschrank „vollgekackt“ hatte, wurde ich von den unterschiedlichsten Gefühlen hin- und hergerissen: kurz erwog ich gar, ob ich ihn nicht im Tierheim abgeben könne. Dann verschwand er kurz aus meinem Fokus, hinter all den anderen Notwendigkeiten, die in der Vorweihnachtszeit die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Als ein Ende des Keks-Marathon absehbar war, erinnerte ich mich wieder an ihn und kam zu der Einsicht, dass so ein Ortswechsel einem sensiblen Geist durchaus auf die Verdauung schlagen und zu unkontrollierbaren Handlungen führen kann. Ich beschloss das Tierchen, das nach dieser ersten Eruption brav in seinem Glas ausharrte, so als sei ihm das äußerst peinlich gewesen, zu füttern. Ich kaufte also Roggenmehl. Als ich den Deckel aufschraubte, erhob sich der Sauerteig artig, wie ein wohlerzogener Schüler, wenn der Lehrer den Raum betritt. Auch dieser vorauseilende Gehorsam verwirrte mich, ehrlich gesagt, ein wenig. All diese Extreme…! Aber so ein Zusammenleben ist halt ein stetiger Prozess von Annäherung und Abgrenzung!
Gierig stürzte sich das Sauertier dann auf seine Wochenration und legte bis zum nächsten Morgen ordentlich an Gewicht zu. Am folgenden Tag mischte ich – laut Angaben aus dem „natürlich Backen“-Kochbuch der Oberösterreichischen Bäuerin – Weizen- und Roggenmehl dazu, würzte mit Bockshornklee, Bertram, Koriander und etwas Salz, rundelte den Teig zu flachen Fladen – weil der Koffer schon so voll war, dass fast nichts mehr hineinpasste… – und schob ihn ins Backrohr. Der Koffer war dann letztlich so schwer, dass ich ihn kaum auf die Gepäckablage wuchten konnte. Aber: das Sauertier hatte seinen Job wirklich gut erledigt: alle waren wir schwer begeistert von dem Ergebnis. Somit hat mein kleiner Hausgenosse die Feuerprobe bestanden. Noch ist ein wenig ungeklärt, wer das viele Brot essen wird, da ich mich ja eigentlich brotlos ernähre. Aber da auch Brotbackversuch Nr. 2 durchaus fein ausgefallen ist (mit Buttermilch), beäuge ich den kleinen Gesellen nun durchaus mit Wohlwollen. Brotbackversuch Nr. 3 mündete in kleine Glücksbringer-Brötchen für meine nähere Umgebung, Nr. 4 ist noch ungewiss. Aber danach werde ich mein kleines Haustier wohl so liebgewonnen habe, dass eine Trennung unvorstellbar sein wird….Und schon fällt mir das kleine elektronische Küken aus dem Cyberspace ein, das Tamagotchi, das penetrant einforderte, dass man es regelmäßig füttert, pflegt und unterhält…. Ich bin jetzt hin- und hergerissen zwischen dem Verdacht, dass sogar große Lieben so beginnen können und der ernüchternden Vorstellung, dass unsere Gesellschaft an einem Helfersyndrom krankt und auch ich möglicherweise schon Symptome zeige. Doch andererseits: gar nicht auszudenken wie schön unsere Welt sein könnte, wenn wir dieses Helfersyndrom auch auf unseren Alltag und auf den Umgang mit unseren Mitmenschen ausweiten… ☺

Autorin: Renate Burger

Fotos: Sauerteig und  Sauerteigbrot Roggenbrot – dunkel

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